Wir wurden bestohlen

12.9.2019

Zum ersten Mal in knapp vier Jahren auf der Straße werden wir in Ruanda bestohlen.

Es passiert tagsüber an den heißen Quellen im Südwesten Ruandas. Viele Einheimische gehen im heißen See baden. Wir werden, auch von Erwachsenen,  unverblümt angestarrt und ab dem Zeitpunkt, als wir das Auto verlassen, auch penetrant angebettelt. Die Menschen hier sind distanzlos und unser Auto umringt von Menschen, die es anfassen. Kinder klettern auf VAnGO herum und schauen unter das Auto. Wir bemerken leider nicht sofort, dass eines von ihnen den Sensor für das Luftdruckmesssystem abschraubt. Leider! Wohin das Teil gekommen ist? Keine Ahnung.

Wir sind der Meinung, dass wir das nicht einfach so hinnehmen sollten. Andere Reisende werden kommen und dann eventuell mit demselben Problem konfrontiert werden. Außerdem ist so ein Sensor auf unserer weiteren Reise nur für viel Geld wieder zu bekommen. In Afrika gibt es ihn nicht. Deshalb hoffen wir natürlich auch, dass wir ihn irgendwie möglichst unkompliziert wieder zurückbekommen.

Zufällig ist ein Mann des Militärs vor Ort. Eigentlich will er gerade im See schwimmen gehen. Nachdem er von unserem Problem hört wird er aktiv. Ein einziger Junge (er verkauft so eine Art Berliner) ist noch anwesend und wird befragt. Wir wissen, dass es dieser Junge nicht gewesen sein kann, denn er war die ganze Zeit mit dem Verkauf seines Gebäcks beschäftigt und nicht mit unserem Auto. Der Junge nennt zwei Namen. Jimmy und Frank hätten den Sensor abgeschraubt. Der Militärbeamte ruft den Chief des nahegelegenen Dorfes an. Dieser kommt. Die beiden Jungs seien in der Schule. Wir sollen mit ins Dorf kommen, um weitere Informationen zu sammeln. Das macht man in Afrika gerne: Informationen sammeln. Nachdem der Militär zusagt, während er zum Schwimmen geht gleichzeitig auf unser Auto zu achten, gehen wir gemeinsam mit dem Chief ins Dorf. David, ein sehr netter, smarter, verantwortungsbewusster Teenager, stellt sich als Dolmetscher zur Verfügung. Er ist zuversichtlich, dass das Problem gleich gelöst sein wird.

David:

Rwanda320

Im Dorf angekommen sollen wir dann doch nicht in die Schule gehen. Der Chief meint, dass die Kinder Angst vor uns bekommen könnten. So geht er alleine in die Schule und kommt mit Jimmy und Frank zurück. Die beiden bestreiten, den Sensor abgeschraubt zu haben. Ab jetzt wird der Versuch die Sache zu klären unlogisch (in unseren Augen). Wir sollen mit den beiden Schülern zum “Tatort” zurück kehren, um Informationen zu sammeln… Zurück am See versucht das Militär nochmal aus den Kindern irgend etwas heraus zu bekommen. Den Stock schon in der Hand wissen die Kinder, was ihnen droht. Nach erteilter Hiebe berichtet der Mann des Militärs, dass er keine weiteren Informationen hat, nimmt aber an, dass wir nun mit der Sache zufrieden sind, da ja jemand bestraft wurde. Wir sind alles andere als froh darüber, dass diese Kinder Stockhiebe bekamen.

Mittlerweile ist es Mittag. Wir sollen Geduld haben. In Afrika dauern die Dinge länger, als in Deutschland, meint David. Das wäre ihre Kultur.

Der Chief schlägt vor, dass nach Schulschluss alle Kinder befragt werden und eine große Suchaktion gestartet werden soll. Wir müssten bis 16 Uhr warten. Hm… Wir sind nun auch neugierig geworden, wie in Afrika mit einer solchen Situation umgegangen wird und warten. Der Chief erscheint kurz vor Einbruch der Dunkelheit ohne Kinder. Es sei ihm nicht gelungen weitere Informationen zu sammeln. Nun wird es langsam lächerlich, denn jetzt möchte er die Fußballspieler, die ca. 100 m vom Schauplatz entfernt gerade eben mit Fußball spielen begonnen haben, befragen. Unser Versuch zu erklären, dass das wohl wenig Sinn macht, scheitert. Die Fußballspieler wissen verständlicher Weise von nichts.

Wir berichten dem Chief von drei weiteren Zeugen, die Jimmy und Frank eindeutig als die Schuldigen erkannt haben. Das scheint ihn nicht zu interessieren.

Wir bieten an, dass das Teil nachts einfach abgelegt werden kann. Von irgend jemandem. Der Schuldige muss sich nicht outen und mit keiner Bestrafung rechnen. Finderlohn würden wir außerdem bezahlen.

Unser Vorschlag, dass den Kindern beigebracht werden könnte, dass man fremdes Eigentum nicht ohne die Einwilligung des Eigentümers anfasst, beklettert, abschraubt, o.ä. wird mit Unverständnis zur Kenntnis genommen. Für sie war es doch nur ein “joke”/ein Witz sagt man uns doch tatsächlich ins Gesicht.

David ist immer noch bei uns und übersetzt. Er ist enttäuscht, dass es bislang keinen Fortschritt gab. Das widerspricht seinem Gerechtigkeitssinn. Er erklärt, dass des Chiefs eigene Kinder wohl in die Sache verwickelt sind und es deshalb keine Lösung geben wird. Auch nicht für Geld.

Die Hinhaltetaktik des Chief macht uns nun wirklich sauer. So beschließen wir am nächsten Tag das Ganze der Polizei zu melden. Veräppeln lassen wir uns nicht.

In Afrika schiebt man gerne die Verantwortung vom einem auf den anderen.

Vielleicht erinnert ihr euch an vorherige Berichte, wie z.B.:

Wenn jemand zu spät zur Arbeit erscheint, weil er den Bus verpasst hat wird statt “Sorry. I missed the bus, because I was too late.” das Ganze so formuliert: “The bus left without me.” Die Verantwortung/Schuld liegt demzufolge beim Bus. Oder ein anderes Beispiel: Es wurde Geld aus der Firmenkasse gestohlen. Die Videoaufnahme zeigt die Frau beim Entwenden gestochen scharf. Sie sagt: “Sir, it wasn t me. It was my hand.” (Beides ist tatsächlich so passiert. Wir denken uns das nicht aus!)

Hier möchte man ebenfalls keine Verantwortung übernehmen.

Nachdem wir unser Problem bei der 12 km entfernten Polizeistation schildern sollen wir doch bitte zu einer anderen Polizeistation gehen, die 28 km in der entgegengesetzten Richtung liegt. Wir kennen die Strecke. Es ist die, die zu den Quellen über üble Steinstraße führt. Wir weigern uns dorthin zu fahren und bestehen auf die Erledigung unseres Falles hier und jetzt. Der Polizeibeamte meint noch, dass wir unbedingt am Tatort gebraucht werden, um… na was wohl… Informationen zu sammeln. (Ach was…) Auch als wir erklären, dass wir dies gestern den ganzen Tag gemacht haben und es zu nichts führte, möchte er, dass wir wieder dort hin fahren. Ich werde ärgerlich und drohe mit der Einschaltung höherer Autoritäten in der Hauptstadt Kigali. Langsam werde ich dann doch sauer.

Umständlich wird der Polizeibericht aufgenommen, den wir aber nicht in Kopie erhalten oder fotografieren dürfen. Des Polizeibeamten vollen Namen und Personalnummer dürfen wir auch nicht haben. Er wird es an den Polizeibeamten, zu dem wir uns ja weigern zu fahren, weiter leiten. Wir erhalten dessen whatsapp Nummer und sind gespannt.

Wir denken nicht, dass irgendjemand noch irgend etwas unternimmt. Man weiß, dass wir lediglich eine begrenzte Aufenthaltsdauer im Land haben und somit keine Handhabe mehr.

Papier… in diesem Fall whatsapp… ist ja geduldig, sagt man. Wir können nicht überprüfen, ob der Polizeibeamte auch wirklich das tut, was er uns so schreibt.

Es ist mittlerweile der dritte Tag (Samstag). Angeblich war der Polizeibeamte am Ort des Geschehens und hat für Sonntag früh den Chief und die beiden namentlich benannten Kinder zu einer Befragung einbestellt. Informationen sammeln. Das hätte er eigentlich auch gleich am Samstag erledigen können. Aber wir sind ja geduldig. Winking smile

Wie ihr euch denken könnt, kam bei der Befragung das Gleiche raus, wie zwei Tage vorher. Man nimmt erneut an, dass wir das Teil verloren haben. Man kann es während des Fahrens (selbst wenn es vorher etwas los geschraubt wurde) nicht verlieren, da sich sofort der warnende Piepton melden würde. Auch das haben wir mehrmals erklärt. Wir kennen den exakten Ort und die beiden Kinder… was will man mehr.

Der Polizist kümmert sich offensichtlich nicht weiter um die Sache und verabschiedet sich per whatsapp mit den Worten: “You will excuse those kids. They made a joke. They are poor.”

Schade. Es hätte viel Möglichkeiten gegeben herauszufinden, wo der Sensor ist. Die von uns bevorzugte Vorgehensweise wurde nicht einmal in Erwägung gezogen: Wenn die Sprachbarriere nicht gewesen wäre, hätten wir vernünftig mit allen Kindern (am besten in der Schule) reden wollen und ihnen erklären, dass ihr Verhalten nicht korrekt war. Da sie aber noch Kindern sind und noch lernen müssen, würde keine Strafe drohen, wenn der Sensor zurück gegeben wird. Für das nächste Mal hätten sie ja dann etwas dazu gelernt.

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